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Zeichen der Zeit - Die Stuttgarter Schule

Es ist mittlerweile mehr als 40 Jahre her, dass der Süddeutsche Rundfunk die »Zeichen der Zeit« ausstrahlte. Mit dieser Dokumentarreihe aus den frühen Tagen des deutschen Fernsehens setzte der Vorläufer des heutigen Südwestrundfunks Maßstäbe im Dokumentarismus. An die »Stuttgarter Schule«, die den dokumentarischen Film nachhaltig formte, erinnert nun eine sorgsam editierte DVD-Ausgabe, die bei absolut Medien erschienen ist.

Kay Hoffmann, Studienleiter im Haus des Dokumentarfilms (Stuttgart) hat zusammen mit dem Berliner Verlag die vermutlich wichtigste Zusammenstellung des dokumentarischen Schaffens nach dem Zweiten Weltkrieg ins digitale Zeitalter gerettet. Fünf prallvolle DVDs in einem Schuber bringen 16 Filme aus der legendären Dokumentationsabteilung des SDR plus einem sehr gut gewählten Bonusfilm zurück auf den Fernseher. Es ist ein großes Stück Zeitgeschichte, das neuen Generationen den leichten Zugang ermöglichen will zu einem auch heute noch als großartig zu bezeichnenden Schaffen.

Schon vor 15 Jahren war eine fünfteilige Vhs-Editionen mit den wichtigsten Filmen der „Zeichen der Zeit“-Ära erschienen. Die nun vorliegende DVD-Ausgabe folgt inhaltlich der Videoausgabe von 1996. Sie ist aber mit überarbeiteten Begleittexten im Begleitheft versehen und bietet als zweiten Höhepunkt eine Dokumentation von Meinhard Prill und Alexander Kluge aus dem Jahre 1990: „Das Beste an der ARD sind ihre Anfänge. Die Stuttgarter Schule - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert“ (117 Minuten). Wer sich zuerst Kluges Film ansieht und sich danach an die in Themen sortierten Filme der Stuttgarter Redaktion macht, erhält schnell einen tiefen Einblick in ein beeindruckendes Stück Fernsehgeschichte.

Was aber zeichnete diese Stuttgarter Schule eigentlich aus und wie ist ihre filmhistorische Bedeutung, wollten wir vom Herausgeber wissen. „Es ist natürlich ein nachträglich vergebenes Etikett“, meint Kay Hoffmann, „wenn man heute von der Stuttgarter Schule spricht. Aber es ist ein Stück Zeitgeschichte und diese Filme formten das dokumentarische Schaffen im Nachkriegsdeutschland maßgeblich.“ Der Filmwissenschaftler, der zu Beginn seiner Tätigkeit für das Stuttgarter HAUS DES DOKUMENTARFILMS die Geschichte von „Zeichen der Zeit“ aufarbeitete, hat die Filme auf fünf DVDs verteilt und sie dabei thematisch geordnet: Politik (DVD 1), Sport (DVD 2), Frauen (DVD 3), Militarismus (DVD 4) und Arbeit und Kultur (DVD 5).

Zeichen der ZeitInnerhalb dieses Schemas sind einige der bekanntesten Stücke der "Zeichen der Zeit" versammelt. "Die Vergessenen" von 1956 beispielsweise oder "Der Polizeistaatsbesuch" von 1967 - beides Meilensteine des politischen Dokumentarfilms und zugleich Paradebeispiele für politische Unkorrektheit als dieser Begriff noch gar nicht erfunden war. Diese Filme dokumentieren eine atemberaubende künstlerische Freiheit in einer Zeit, die heute als spießig und im Vergleich als viel unfreier wahrgenommen wird. Beim Betrachten dieser "old fashioned" wirkenden Dokumentarfilme zeigt sich ihre brennende Aktualität. Man stellt sich schnell die Frage, wann denn das Fernsehen den Mut verloren hat, solche Filme zu senden.

Starke und gleichsam zeitlose Stücke bietet zum Beispiel die DVD zum Sport: „Tortur de France“, „Die Borussen kommen“ und „Die Misswahl“ sind sicherlich auch heute, fast 50 Jahre nach ihrer Erstausstrahlung, noch Lehrstücke für eine kritische Beobachtungsgabe. Sport als Massenmagnet war damals noch nicht so perfektioniert wie heute, doch diese frühen Reportagen kommentieren den bereits einsetzenden Medienrummel, der heute um Fußball, Olympia und Weltmeisterschaften veranstaltet wird.

Der glückliche Umstand, dass sich beim Süddeutschen Rundfunk Anfang der fünfziger Jahre freie Denker in einer losen Redaktion zusammenfanden und Bemerkenswertes schufen, ist wohl Zufall gewesen. Aber das, was daraus erwuchs, hat Bestand bis heute. Das Fernsehen war jung und man konnte - nein, man musste - einfach loslegen ohne sich erst durch einen Senderapparat zu arbeiten, der ja auch immer Establishment ist. "Wir haben beim Drehen so viel gelernt", erinnert sich der Dokumentarfilmer Dieter Ertel, von dem es unter anderem "Fernsehfieber" in die DVD-Edition geschafft hat. Die Wahrheit ist: sie durften lernen und wachsen. Diese DVD-Edition dokumentiert genau dieses: Eine Sendereihe, die nicht immer perfekt war, aber dafür lebensnah. Konservierte Realität, die lebendiger ist als jegliches Reality-TV unserer Tage.

Dass die Stuttgarter Schule kein gemeinsames Team mit einer Vision war, weiß der Herausgeber der DVDs zu berichten: "Es war eine produktive Reibung aneinander und in der Redaktion herrschte eine kreative Konkurrenzsituation", berichtet Kay Hoffmann. Dass die "Zeichen der Zeit" Anfang der siebziger Jahre aus dem Fernsehen und lange aus dem Gedächtnis des ehemaligen Publikums verschwanden mag dann auch eher damit zu tun haben, dass sich die Macher neue Möglichkeiten für ihre Arbeit suchten - und weniger, dass da eine politische Redaktion zerschlagen werden sollte. Auch gegen eine Legendenbildung in dieser Richtung kann die DVD mit ihren Inhalten stehen. Die Einzigartigkeit dieser Dokumentarfilme wird dadurch in keiner Weise geschmälert.

Zeichen der Zeit
Beobachtungen aus der Bundesrepublik (1956-1973)
Die Filme der Stuttgarter Schule
Herausgegeben von Kay Hoffmann
DVD-Box mit 5 DVDs
733 Minuten, PAL / Farbe + s/w
mit ausführlichem Booklet und Bonusfilm
69,90 Euro
www.absolutmedien.de