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DOK Premiere: Beuys

Rückblick auf die DOK Premiere im Mai:
18 Monate Schnitt für »Beuys«

Jahrelange hat er recherchiert und für den Schnitt arbeiteten Andres Veiel mit seinen Kollegen dann noch ganze 18 Monate, um »Beuys« zu vollenden. Selbst für einen Dokumentarfilm ist das eine lange Zeit. Aber der Filmemacher und der Produzent Thomas Kufus (zero one film) glaubten an die Arbeit. Das Vertrauen könnte sich lohnen: Der Film lief in diesem Jahr im Internationalen Wettbewerb der Berlinale und ist für den Deutschen Dokumentarfilmpreis nominiert, der Ende Juli in Stuttgart während dem Branchentreff Dokville und dem SWR Doku Festival verleihen werden wird. Nun ist er auch in den deutschen Kinos gestartet. In Ludwigsburg und Stuttart präsentierte der gebürtige Stuttarter Veiel bei einer DOK Premiere seinen jüngsten Film. Die offizielle Kinotour führt Veiel und »Beuys« durch zwei Dutzend Städte.

Andres Veiel wurde schon als Jugendlicher geprägt von Joseph Beuys, denn er war sozusagen ein Gegenmodell zu seinem bürgerlichen Alltag in der Schule und zu Hause. Im Deutschen Herbst und der dadurch erstarrten Gesellschaft hätte Beuys Bewegung reingebracht mit seinen politischen Ideen. Denn er gehörte zu den Gründern der Grünen. In der Zeitschrift »Spiegel« wurde vor allem kritisiert, dass verschiedene politische Aspekte von Beuys wie seine Nähe zu rechten Strömungen in den 1970er Jahren oder zur Anthroposophie nicht im Film erwähnt werden.

Andres Veiel hat für den Film jahrelang recherchiert und keinen einzigen Beleg dafür gefunden, dass Beuys in den 1970er Jahren zunächst mit dem rechten Lager liebäugelte, bevor er radikal links wurde. Diese These wurde in einem Buch aufgestellt und hat sich wie gesagt bei den Recherchen nicht bestätigt.

Der Film hat eine besondere Produktionsgeschichte, denn er war zunächst ganz anders geplant. Veiel hat über 20 Wegbegleiter und Zeitzeugen interviewt und sein Kameramann Jörg Jeshel hat weltweit zahlreiche Kunstwerke von Beuys in Museen aufwändig gedreht. Eigentlich waren nur 30 Prozent Archivaufnahmen vorgesehen; im endgültigen Film sind es rund 95 Prozent. Diese Neuausrichtung war kein einfacher Entscheidungsprozess, doch es war notwendig, denn die erste Fassung des Films war nett, aber doch eher ein klassischer biographischer Dokumentarfilm vom Aufstieg, Anerkennung bis zum Tod.

Die DOK Premiere mit »Beuys«, die auf Einladung des Hauses des Dokumentarfilms wenige Tage vor dem Kinostart in Ludwigsburg und im Rahmen der offiziellen Kinotour der Piffl-Verleihs stattfand , war ausverkauft. Dem Haus des Dokumentarfilms ist Veiel schon lange verbunden und er gehört unserem beratenden Kuratorium an. Für das Filmgespräch nach der Vorführung stand auch der Cutter Stephan Krumbiegel zur Verfügung, der mit seinem jungen Kollegen Olaf Voigtländer die außergewöhnliche Ästhetik des Films entwickelt hat, die sich an den Kontaktbögen von Fotos orientiert.

Es ist die erste Zusammenarbeit von Stephan Krumbiegel mit Andres Veiel. Gerade nachdem Monika Preischl über 400 Stunden Film- und Videoaufnahmen zu Beuys gefunden hatte und außerdem zehntausende an Fotos und Stunden an Interviews und O-Tönen von Beuys, waren die beiden Cutter gefordert, eine Form zu finden. Olaf Voigtländer schlug die grafische Gestaltung wie bei Kontaktbögen vor und sie funktionierte. Von daher ist es ihnen dadurch gelungen, ein Gesamtkonzept für den Film zu entwickeln, das die Zuschauer verblüfft.

Dabei gingen sie durchaus auch unterschiedlich an das Material heran, wie sich Veiel an den Produktionsprozess erinnert: »Vor allem Olaf war jemand, der von einer ganz anderen Seite gedacht hat, der gesagt hat, gut, du machst deine Inhalte, aber ich schaue jetzt nochmal auf die Szene, ich finde da noch was. Dadurch ging es assoziativ viel stärker in die dramaturgischen Nebeneingänge. Ich wollte immer durch den Haupteingang, und Olaf sagte: Ich sehe da ein kleines Fenster, lass uns doch da mal einsteigen.« Ihren Anteil, dass dies Experiment gelungen ist hat auch die Musik von Ulrich Reuter und Damian Scholl sowie das Sounddesign von Matthias Lempert, der oft Töne und Geräusche aus den Originalquellen nutzte. So entsteht ein Gesamtkunstwerk, wie es sich das Team erhofft hatte.

Die selbst für einen Dokumentarfilm lange Schnittzeit von 18 Monaten wurde durch den Produzenten Thomas Kufus möglich, der das Team auf einem interessanten Weg sah, sich mit Beuys auf eine völlig neue Art auseinanderzusetzen und ihn dabei selbst sprechen zu lassen. Selbst die Widersprüchlichkeit in seinen Aussagen beispielsweise zu seiner Luftwaffen-Karriere im Zweiten Weltkrieg ist dadurch möglich. Der Film ist eine spannende Zeitreise in die 1970er und 1980er Jahre, als die Gesellschaft politisch aktiv war und durch einige Umbrüche geprägt wurde. Der Piffl Verleih hat große Hoffnungen in den Film – so spielt er in Berlin zwei Wochen lang im International Kino mit 700 Plätzen.

(Kay Hoffmann)