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25 Jahre Haus des Dokumentarfilms

Aus kurzer Distanz: Macht der Bilder, Macht der Worte

Rainald Becker, Chefredakteur ARD, leitete gut vorbereitet diese Diskussionsrunde, die sich mit den Fragen beschäftigte, welche Bilder, Informationen und Tonmitschnitte aus Kriegs- und Krisengebieten gesendet werden sollen - und welche Intentionen jeweils damit verknüpft sind.

Die Kriegs- und Krisenfotografin Ursula Meissner, einer sehr erfolgreiche Bildjournalistin, die nach eigenen Angaben »bereits 25 Mal allein in Afghanistan« war, stellte sich dabei eindeutig auf die Seite der Aufklärung. Ihre Bilder hätten, wenn sie gut sind, die beabsichtigte Wirkung, über Kriegshandlungen aufzuklären. Allerdings, gestand die Fotografin auf Nachfragen von Rainald Becker zu, müsse die Würde des Menschen stets gewahrt werden. Dies sei in extremen Situationen manchmal schwer auszuhalten. Sie berichtete, dass sie oft Menschen im Anblick des Todes fotografiert habe, aber auch in solchen Momenten auf eine Zustimmung warte, ob sie auf den Auslöser drücken könne. Dass die Kamera auch ein Schutzschild sei gegen die Grausamkeiten, die sie sehe, sagte sie auf die die Frage, wie sie sich vor den Bildern schütze, die man nicht mehr aus dem Kopf bekomme.


Diese Frage bewegte auch die anderen Panelteilnehmer. Marcel Mettelsiefen, ein Filmemacher, berichtete, dass es zum Beispiel in Syrien extrem schwierig gewesen sei, eine objektive Haltung bewahren zu können. Man sei sofort dabei, sich auf eine Seite zu schlagen, obwohl gleichzeitig die Situation undurchschaubar und komplex sei. Radiojournalist Martin Durm berichtete von Momenten, die er bei einem Feature für den SWR in Syrien erlebte, die ihn bis heute verfolgten. Zum Beispiel das Schreien eines Kindes, das von Granatsplittern getroffen worden sei. »Am schlimmsten«, so Durm, »war es, als das Schreien aufhörte und die Skala meines Aufnahmegerätes auf Null ging.« Solche Mitschnitte könne man nicht senden, sagte er.

Was überhaupt kann man senden - auch unter dem Licht von Bild- und Videomanipulationen. Darüber berichtete Dr. Kai Gniffke, Erster Chefredakteur der ARD, und damit auch zuständig für die Nachrichtensendungen im Ersten.

Er zeigte zwei Beispiele, bei denen der Faktencheck versuchte und teilweise gelungene Manipulationen aufgedeckt habe. Eine solche Prüfung der zur Sendung anstehenden Inhalte sei aber personal- und damit kostenintensiv.

Im Anschluss an diese Diskussionsrunde wurde Marcel Mettelsiefens Dokumentarfilm »Syrien: Von Aleppo nach Goslar« gezeigt. Darin schildert der international bekannte Filmemacher, wie eine syrische Mutter mit ihren vier Kindern zunächst lange im umkämpften Syrien ausharrt; nach dem Tod des Mannes verlassen alle das Land und schaffen es nach monatelanger Reise, in Goslar zurück ins Leben zu finden. Die Sehnsucht nach der Heimat und nach dem vermutlich ermordeten Vater bleibt.

Preise für Marcel Mettelsiefen

Für die Dokumentationen »Die Kinder von Aleppo« und »Das Schicksal der Kinder von Aleppo – Neue Heimat Deutschland« hat Marcel Mettelsiefen bereits viele Preise erhalten. Soeben wurde er bei den Rory Peck Awards in London mit dem Preis in der Kategorie »Current Affairs« (»Sony Impact Award«) ausgezeichnet. Mettelsiefens Kurz-Doku »Watani: My Homeland« über syrische Flüchtlinge hat es sogar als einer von zehn Filmen auf die sogenannte »Shortlist« für den Kurzdoku-Oscar gebracht, der am 26. Februar 2017 in Los Angeles verliehen werden wird.

Dr. Irene Klünder, Geschäftsführerin des Hauses des Dokumentarfilms, und Dr. Manfred Hattendorf, Vorsitzender des Vorstands, stellten an diesem Abend auch ein exklusives Buch über die Geschichte des Hauses des Dokumentarfilms vor. Auf 528 Seiten mit über 300 Abbildungen haben zahlreiche prominente Filmemacherinnen und Filmemacher aus ihrer Sicht geschildert, wie sich das Genre des dokumentarischen Films im vergangenen Vierteljahrhundert gewandelt hat – darunter Regisseurinnen und Regisseuren wie Wim Wenders, Erwin Wagenhofer Pepe Danquart, Marcel Ophüls und Helga Reidemeister wie auch von Produzenten wie Thomas Kufus und Regina Ziegler. Das Buch ist als nicht verkäufliche Sonderausgabe im Haus des Dokumentarfilms erschienen und wird bei bestimmten Anlässen verteilt.

Das Haus des Dokumentarfilms hat seit seiner Gründung mit vielen Tagungen, Publikationen, Filmabenden und vor allem dem Branchentreff Dokumentarfilm das Genre in vielerlei Hinsicht begleitet. Von 2017 wechselt der Branchentreff Dokville mit der Verleihung des Deutschen Dokumentarfilmpreises nach Stuttgart. Ende Juni 2017 wird diese Leitveranstaltung des dokumentarischen Genres erstmals in der Landeshauptstadt ausgerichtet. Seit Ende 2014 ist das Haus des Dokumentarfilms in der Teckstraße 62 im Stuttgarter Kulturpark Berg untergebracht – in unmittelbarer Nachbarschaft zur Merz Akademie, zum Südwestrundfunk und zur Villa Berg, wo das Haus vor 25 Jahren gegründet wurde.

(Thomas Schneider)